Nachhaltige Mobilität am Land: Wunschdenken oder Realität? Teil 2

In Teil 1 dieser Blog-Reihe hatten wir über unsere grundlegenden Ideen hinsichtlich nachhaltiger Mobilität berichtet. Energieverbrauch und Schadstoffausstoß pro Personenkilometer waren ebenso Thema,wie die unterschiedliche Situation in Stadt und Land. Wir haben uns seither mit guten Lösungen speziell fürs Land beschäftigt und wollen einige davon in diesem Beitrag vorstellen.

Nachhaltige Mobilität im Wohnprojekt Hasendorf

Wie schon in unserem ersten Beitrag dargestellt, wollen wir nicht einfach raus ins Grüne, dort ein Ökohaus hinstellen, bio einkaufen – und dann täglich mit dem Auto überall hinfahren. Wir wollen nicht ständig alleine im Auto sitzen, denn das ist fad, teuer und unökologisch. Wir wollen auch keine Zweit- oder Drittautos besitzen, denn das ist teuer und trägt nur dazu bei, dass noch mehr Autos weitestgehend ungenutzt in der Gegen herumstehen. Und wir wollen umweltfreundlich pendeln, vor allem nach Wien, Tulln, St. Pölten und Krems; der neue Bahnhof Tullnerfeld wird wohl eine zentrale Rolle dabei einnehmen.

Die roten Punkte sind die Bahnhöfe der Umgebung, die roten Linien die Zugverbindungen. © OpenStreetMap-Mitwirkende für den Kartenhintergrund

Auch wollen wir keine Insel der Öko-Seligen werden, sondern ganz bewusst mit unseren künftigen Nachbarinnen und Nachbarn Lösungen für alternative Mobilität entwerfen. Deshalb freut es uns besonders, dass wir die hier dargestellten Ideen schon im Rahmen des von der Bücherei Reidling organisierten Umweltfrühstücks engagierten und interessierten Bewohnerinnen und Bewohnern der Gemeinde präsentieren durften – inklusive der anschließenden spontanen Gründung einer Arbeitsgruppe, die sich weiter mit dem Thema beschäftigen wird.

Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, dann meinen wir damit immer alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Soziales und Wirtschaft. Die beste ökologische Lösung wird uns am Ende nichts nutzen, wenn sie nicht ökonomisch nachhaltig ist und die Gemeinde sie sich zum Beispiel nicht leisten kann. Und eine ökonomische nachhaltige Lösung allein nutzt nicht viel, wenn sie ökologisch schädlich ist oder sie niemand nutzen will.

CC BY-SA 4.0 Felix Müller @ commons.wikimedia.org

Welche Ideen inspirieren uns?

Es gibt schon viele gute Ideen und umgesetzte Lösungen im Bereich der nachhaltigen Mobilität – von High-Tech wie dem selbstfahrenden Auto bis zu Low-Tech wie dem Fahrrad, von individuell wie dem Elektroauto bis zu sozial innovativ wie dem Gemeindebus. Auch wir müssen das Rad nicht neu erfinden – wir können es aber neu einspeichen, um eine genau für uns passende Lösung zu finden.

Privates Carsharing

Sein eigenes Auto mit anderen, fremden Menschen zu teilen wird immer beliebter. Plattformen wie carsharing 24/7 oder caruso bieten die technische Unterstützung, rechtliche Ab- und Versicherung und helfen bei der Abrechnung. Es gibt Vereine, die sich ein Auto teilen (z. B. Elfride) und Wohnprojekte wie Pomali oder das Wohnprojekt Wien, die ganze Kleinflotten von Privatfahrzeugen teilen. Die Fixkosten werden auf mehrere Fahrende aufgeteilt und so für alle geringer. Auch die bereits angeschafften Autos werden besser genutzt und weisen dadurch eine bessere Ökobilanz im Lebenszyklus auf. Solche Carsharing-System oder -Vereine sind schnell aufgebaut und nicht auf ein Wohnprojekt beschränkt, sondern können auch von der Nachbarschaft genutzt werden.

E-Carsharing über einen Mitgliederverein

Bei dieser Variante schafft ein Verein ein Auto an – in der Regel ein Elektroauto – das von allen Vereinsmitgliedern zu günstigen Tarifen genutzt werden kann. Häufig beteiligen sich die Gemeinden an solchen Initiativen und die Elektroautos werden am Dorfplatz neben einer E-Tankstelle wie zum Beispiel auch am Dorfplatz in Reidling geparkt und aufgetankt. Erfolgreiche Beispiele gibt es viele, etwa der Gaubitscher Stromgleiter, die mittlerweile dritte bea in Baden, el Maxi und el Flitzi in Krenglbach oder in unserer Region ganz prominent der Verein fahrvergnügen.at, der etwa in Traismauer, Herzogenburg, Tulln und anderen Städten schon solche Projekte umgesetzt hat.

Nachteil dieser Variante für eine Gemeinde wie Sitzenberg-Reidling, die in sieben Dörfer verliebt ist, ist, dass es eigentlich sieben Dorfplätze gibt und daher sieben Autos bräuchte. Und vielleicht noch eines am Bahnhof. Denn hier wird das Auto von A nach B gefahren und nach A zurückgefahren. Für Erledigungen in der Gemeinde oder Region ist dieses Modell ideal, als Zubringer zum Bahnhof wird es jedoch schnell teuer.

Fahrtenservice und Mobilitätsverein

Als Zubringer zum Bahnhof funktionieren dafür Modelle wie ElektroMobil Eichgraben und Elektromobil Pressbaum: ein Verein betreibt ein (meist elektrisches) Auto und bietet mit Hilfe ehrenamtlicher Fahrerinnen und Fahrer günstige taxiähnliche Fahren im Gemeindegebiet an. Das sorgt für hohe Auslastung eines Fahrzeugs, spart eine Menge Geld bei Fixkosten und Anschaffung und macht Fahrten nur von A nach B möglich – perfekt als Zubringer zum Zug und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln.

So ein Fahrtendienst für Mitglieder eines Mobilitätsvereins ist ab einer gewissen Anzahl von Interessierten praktisch überall umsetzbar. Allerdings sollte so ein Service weder mit den Taxi-Unternehmen noch mit dem öffentlichen Verkehr in Konkurrenz treten und ausschließlich seinen Mitgliedern zur Verfügung stehen.

Anrufsammeltaxis und Gemeindetaxis

Anrufsammeltaxis sind eigentlich ein alter Hut. Neu eingekleidet und mit einer etwas anderen Ausrichtung kommen sie als Gemeindetaxis daher und werden immer beliebter. Bei diesem Modell betreiben Kommunen im Gemeindegebiet ein sehr kostengünstiges Taxi an, oft ein Sieben- oder Neunsitzer. Das Taxi fährt ohne Fahrplan, ohne Haltestellen und ohne notwendige Vereinsmitgliedschaft im ganzen Gemeindegebiet auf Anruf hin und her und priorisiert in aller Regel Anbindungen an den bestehenden öffentlichen Verkehr. Als viel gerühmtes Musterbeispiel dient das Solartaxi Heidenreichstein, das kostengünstige Mobilität und somit Teilhabe am Gemeindeleben auch und gerade für jene ermöglicht, die sonst kaum daran teilhaben könnten, weil sie sich kein Zweitauto leisten können (wollen) oder weil sie nicht selbst fahren können oder wollen.

In Heidenreichstein freuen sich jedenfalls nicht nur die Betriebe am Stadtplatz über das Solartaxi. Und in Krenglbach wurde – nach dem Erfolg mit den E-Carsharing-Fahrzeugen El Maxi und El Flitzi (siehe oben) – gleich noch das KRAXI, das Krenglbacher Anrufsammeltaxi, hinzugefügt. Solche Modelle eignen sich auch hervorragend als Heurigentaxi, Shuttle-Service für Events und als Gäste-Taxi zum Beispiel im Fremdenverkehr.

Gemeindebus

Der Gemeindebus ist die Weiterentwicklung des Gemeindetaxis und eigentlich ein noch größeres Fahrzeug nach den selben Spielregeln (keine Mitgliedschaft, keine Haltestellen, keine Fahrpläne, günstige Fahrpreise, Zubringerfunktion zum bestehen öffentlichen Verkehr). Beliebt ist dieses Modell in Kommunen und Regionen mit hohem Fremdenverkehrsaufkommen, rund um den Neusiedler See etwa – zum Beispiel in Breitenbrunn oder Purbach – fahren in jeder Gemeinde eigene kleine Busse in Form eines Mikro-Öffentlichen Verkehrs. In vielen Gemeinden wird mit einem vergleichsweise kleinen VW-Bus begonnen und später auf Grund der großen Nachfrage ein größeres Fahrzeug angeschafft. Als Shuttle-Service für Events wie das legendäre Teichfest oder den Kellergassen-Advent, als Badebus im Sommer, als Heurigenbus… viele Nutzungen wären für Sitzenberg-Reidling denkbar :)

Was können wir uns vorstellen?

Wie oben beschrieben, haben wir kein Interesse eine Insellösung nur für unser Wohnprojekt zu entwickeln. Umso mehr freut es uns, dass aus der Vorstellung unserer bisherigen Ideen beim Umweltfrühstück in der Bücherei eine kleine Arbeitsgruppe mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern, Gemeinde, Mobilitätsvereinen der Region und dem Tauschkreis Sitzenberg-Reidling entstanden ist, die sich noch vor Weihnachten das erste Mal zusammen setzen wird, um nachhaltige Mobilitätslösungen zu entwickeln. Und weder braucht es dafür Rocket Science, noch muss das Rad neu erfunden werden. Manchmal macht schon ein kleines Pickerl den Unterschied – wie bei NIMIMIT.

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Genussmensch, der gesunde Bewegung in gesunder Natur liebt. Übersportler, Kreativkoch, Ausflugsplaner, Bierbrauer, Lagerfeuerschrammler, Urlaubskroatischlehrer, Masseur & Philosoph & Reblaus. Besonders aktiv in den Arbeitskreisen Mobilität, IT, Öffentlichkeitsarbeit und Vorstand.

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